Die anonymisierte Gebotsform

Gestern stand ich so schön bei IKEA in der Schlange. Da fiel mir das Schild mit dem Text “Bitte zieh eine Aufrufmarke” auf.

Ich bin ganz verwundert. Normalerweise werde ich doch von Schildern gar nicht angesprochen. Da steht doch landläufig immer so etwas wie “Bitte Aufrufmarke ziehen!”. Eine gelungene Konstruktion in der sich auch gleich geschickt um die Ansprache (“du” oder “sie”) herumgewunden wird.

Für dieses Konstrukt gibt es bestimmt auch einen hochtrabenden grammatikalischen Begriff. Der ist mir nur nicht gerade entfallen, ich kenne ihn grundsätzlich nicht (PISA sei dank). Ich nenne das Konstrukt einfach mal “anonymisiertes Gebot”.

Überall wo du durch die Gegend gehst wirst du nur so allgemeine aufgefordert:
“Bitte hinter der Linie warten”, “Den Geschirrspüler bitte direkt einräumen”, …

Wenn die 10 Gebote heutzutage auf Schilder geschrieben würden, dann müsste es wohl heißen:
“Bitte nicht töten”. Oder “Nicht des Nächsten Weib begehren”.

Und ich habe mich immer etwas gewundert, warum mich derartig anonyme Gebote so wenig und nur so indirekt ansprechen. Die Schilder von IKEA (nicht nur das Eine beim Umtausch) haben mich grundsätzlich direkt angesprochen (und zwar mit “du” – sehr sympathisch).

Sind wir nicht mehr als eine nicht-identifizierbare Herde an Menschen? Haben wir es nicht verdient, dass man uns direkt zu etwas auffordert (und nicht in allgemeinen Floskeln verfällt)?

Ich finde schon. Also: “Schreibst du mir jetzt bitte einen Kommentar?”

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Ein Gedanke an “Die anonymisierte Gebotsform

  1. Du Stefan, Du, da muss ich Deiner Aufforderung natürlich gleich nachkommen und einen Kommentar schreiben. Tust du den dann bitte veröffentlichen? ;-))